25. September 2020

Mortal Shell – Im GameWire-Review

Ein neues Genre zu etablieren ist heutzutage nur noch schwer vorstellbar. Irgendwie gibt es ja schon alles. Shooter, Racer, Jump’n’Run. In diesem Geflecht aus Schubladen ein neues Rezept zu entdecken, welches so einzigartig ist, dass ein neuer Name dafür gefunden werden muss, kann man durchaus als Meilenstein bezeichnen. From Software sind diejenigen, die vor 11 Jahren eben diesen Meilenstein an den Wegesrand setzen durften. Mit ihrem Hardcore RPG Demon’s Souls war das Genre des Souls-like geboren. Eine nichts verzeihende, knallharte Reise, bestehend aus gnadenlosem Scheitern, Aufraffen und Triumphieren.

Elf Jahre und fünf weitere Souls-like aus  dem Hause From Software später, blicken wir zudem auf eine ganze Batterie an Klonen, die allesamt versucht waren ihre eigene Gewürzmischung ins Rezept zu mischen. Sei es Sci-Fi, Schusswaffen, Samurai oder Anime; es bleibt immer der gewisse Nachgeschmack kleben. Das kleine Team von Cold Symmetry hat sich dieser Aufgabe nun ebenfalls angenommen und versucht gar nicht erst, die kreative Inspiration zu kaschieren. Das Ganze nennt sich Mortal Shell. Der Name ist Programm.

Wie auch beim Vorbild verzichtet Mortal Shell auf eine klare, eindeutig erklärte Handlung. In einer zerrütteten Welt erwacht man selbst als hüllenlose, schwächliche und menschenähnliche Kreatur und muss schon sehr bald erkennen, dass man ohne eine sterbliche Hülle nicht weit kommen wird. Zu groß sind die Gefahren dieser korrumpierten, von einem mysteriösen Nebel befallenen Welt.

Mit Swester Genessa findet der Findling, wie der Held genannt wird, eine Verbündete, die ihm mehr über die Welt, ihre Gefahren und den Wert von Erinnerungen offenbaren kann. Eine verworrene Reise beginnt, geleitet von der Aufgabe des „dunklen Vaters“, der den namenlosen Recken dazu auserkoren hat, in ehemaligen Heiligtümern eingenistete, grauenvolle Kreaturen zu vernichten und die heiligen Drüsen zu ernten.

Klingt kompliziert und undurchsichtig? Ist es, in der Tat. Hier erkennt man sofort die erste Parallele zum großen Vorbild. Mortal Shell macht keine Anstalten, die versteckte Geschichte irgendwie offen darzulegen, geschweige denn mit aufwendigen Cutscenes oder längeren Dialogen näher darauf einzugehen. Mit Inschriften, die überall in der Welt verstreut sind, und den kryptischen Geschichten von Swester Genessa kann mehr über die Welt, ihre Geschichte und ihre Bewohner erfahren werden. Hierbei gilt jedoch die gleiche Vorgabe, wie auch in den Souls-Spielen: Nur, wer genau hinsieht, hinhört und auf kleine Details am Wegesrand achtet, wird das große Ganze verstehen.

Interessant ist die Welt von Mortal Shell auf alle Fälle. Die Areale bieten zwar rein visuell wenige Farbakzente, wirken dafür aber stets übermächtig im Volumen und suggerieren ein Gefühl von Erhabenheit, erzeugen so eine gewisse Furcht vor dem, was noch vor dem Helden liegen mag. Gigantische Basalt-Säulen, die in den Himmel ragen, teils im Himmel schweben, ein düsterer Morast, der mit seinen dicken Nebelschwaden die Sicht verringert oder auch die von Asche und Glut überzogenen Schmieden, in denen abscheuliche Kreaturen in glühendem Eisen baden; die Welt von Mortal Shell ist kein Ort, den man gerne aufsucht, doch einer, den man nicht so schnell wieder vergisst.

Beim Gameplay haben sich die Entwickler von Cold Symmetry ebenfalls an der Vorlage orientiert, wagen hier aber einige Schritte in eine andere Richtung, wie wir es bisher bei keinem „Soulslike“ gesehen haben. Das Management von unterschiedlichen Attributen entfällt komplett, das Haushalten mit verschiedenen Rüstungssets ebenfalls. An ihre Stelle rücken in Mortal Shell die Hüllen, von denen es insgesamt vier im Spiel zu finden gibt. Diese stellen im Grunde genommen unterschiedliche Klassen dar und verfügen so über unterschiedliche Basiswerte. Natürlich können dennoch Fähigkeiten freigeschaltet werden, die man mit Tar bezahlt, dem Pendant zu den Seelen von Dark Souls. Stirbt man, hat man Gelegenheit, sein gesammeltes Tar am Ort des letzten Ablebens zurückzuerlangen. Scheitert man dem Versuch, muss man mit dem Sammeln vorn beginnen.

Die erste Hülle, Harros, ist ein Allrounder, der mit einem ausreichenden Pool an Lebenspunkten und Ausdauer daherkommt. Tiel, der Schurke, ist agil, hält aber nicht allzu viel aus. Eine Hülle für diejenigen, die nur an Movement als Verteidigung glauben. Solomon teilt gut aus und steckt ebenso gut ein, muss aber mit weniger Ausdauer auskommen. Als Tank steht Eredrim zur Auswahl bereit, der mit dem größten Pool an Lebenspunkten aufwarten kann, dafür aber nach wenigen Schlägen keine Ausdauer mehr hat.

Neben Ausdauer und Lebensenergie verfügen alle vier Hüllen zudem noch über unterschiedliche Mengen an Entschlossenheit. Diese Energie wird im Kampf oder durch die Einnahme spezieller Gegenstände aufgefüllt und ermöglicht die Verwendung von Spezialangriffen. Spezialangriffe, die wiederrum von der gewählten Waffe abhängig sind.

Derer gibt es in Mortal Shell fünf, unterteilt in Nah- und Fernkampfwaffen. Jede Waffe kommt mit einem speziellen Bewegungsmuster und Schadensmengen daher und verändert die Distanz, mit der man zum Gegner stehen kann. Mit absurd langem Zweihänder teilt man in einem ordentlichen Radius aus und kann sich so auch wuchtigere Gegner angenehm vom Leib halten, mit der Ballistazooka kann man auch weit entfernte Gegner aufs Korn nehmen.

Als Defensivmaßnahme kann der Findling seine namensgebende Fähigkeit des Erhärtens verwenden, welche den nächsten feindlichen Angriff ohne Schaden überstehen lässt und diese in den meisten Fällen zum Taumeln bringt. Wie der Name schon sagt, verwandelt sich der eigene Charakter so in eine Steinskulptur, die jeglichen Schaden absorbieren kann. Wenn auch ungleich mächtig, muss die Fähigkeit stets für einige Sekunden aufgeladen werden, ehe sie erneut verwendet werden kann.

Gutes Timing ist also gefragt, dafür kann sie jedoch auch innerhalb eines Angriffs oder mitten in der Luft genutzt werden. Stürzt man sich beispielsweise auf Gegner, die sich auf einer niedrigeren Ebene befinden und härtet vorher aus, kann dies fatale Folgen nach sich ziehen. Natürlich für Feinde, nicht für einen selbst.

Der mutige Schritt weg von Attributen und Schadenszahlen kann auf den ersten Blick erst einmal befremdlich wirken. Cold Symmetry legt jedoch den Fokus hiermit weitaus mehr aufs Spielgefühl und das Verinnerlichen der eigenen Fähigkeiten. So muss quasi jeder Gegenstand erst einmal verwendet werden, um seinen Nutzen (oder Nachteil) herauszufinden. Hierbei kann es jedoch durchaus vorkommen, dass man erstmal einen Schuss ins Wasser absetzt und mit beispielsweise mit einer Vergiftung zu kämpfen hat. Die Vertrautheit mit Gegenständ verbessert oder verändert dann ihre Effekte. So ist der bereits erwähnte Giftpilz nach mehrmaliger Einnahme ein nützliches Gegengift statt nervigem Auslöser. Praktisch!

Es gehört zum Lernprozess einer jeden Hülle und einer jeden Waffe dazu, sie an den unterschiedlichen Gegnern zu erproben und selbst einschätzen zu können, wie effektiv sie sind. Zwar fällt das Management und somit ein wichtiger Bestandteil des klassischen RPGs weg, an seine Stelle rückt jedoch eine ebenso intensive Erfahrung, die es nicht im Geringsten simpler gestaltet.

Als simpel kann auch die Welt von Mortal Shell nicht gerade bezeichnet werden. Das Level Design in Mortal Shell ist alles andere als eine durchschaubare Verkettung von Lichtungen und Räumen. Ebenso wie beim Urvater des Genres verstecken sich an den unwahrscheinlichsten Orten Geheimnisse, Kisten, neue Pfade und auch Abkürzungen, die im weiteren Verlauf des Spiels nützlich sein könnten.

Bosse gibt es in Mortal Shell insgesamt weniger als in beispielsweise Dark Souls, dafür stehen diese ihren Vorbildern in Punkto Präsentation jedoch in nichts nach. Obskure Wesen mit deformierten Körpern, mächtige Giganten mit überproportionierten Waffen oder schaurige, mystische Wesen; die finalen Kämpfe in den Arealen von Mortal Shell sind durchaus interessant inszeniert.

Auch wenn Bosse sich im weitesten Sinne von gewöhnlichen Feinden abheben, teilen sie sich jedoch die Anfälligkeit für die Erhärten-Fertigkeit des namenlosen Helden. Hier trennt sich Mortal Shell auch am ehesten von seiner Inspirationsquelle. Bosse sind insgesamt weniger nervenaufreibend und gliedern sich um einiges besser in das Gesamtbild ein. Wenn sich die ersten Bosse im First-try erledigen lassen, ohne auch nur ansatzweise in Bedrängnis zu geraten, ist man selbst entweder viel zu gut (eher nein) oder der Titel meint es zu gut.

Nichtsdestotrotz ist Mortal Shell so nah an der Vorlage wie kaum ein anderes Spiel dieser Gattung, im positiven Sinne. Die Atmosphäre ist dicht, die Welt mystisch und spannend aufgebaut und das Charakterdesign erzählt die Geschichte von Vergangenem und Sterblichkeit in einer kryptisch-konservierten Welt ohne Freude. Die anmutende Figur der Swester Genessa wirkt wie einem Dark Souls-Spiel entliehen und streut ein angenehmes Narrativ ein, welches Mortal Shell trotz fehlenden roten Fadens lebendig wirken lässt.

Auch optisch orientiert sich Mortal Shell ohne Umschweife an seiner Vorlage. Lässt man einmal das ebenso minimalistische UI außer Acht, könnten Nicht-Kenner beider Titel die Spiele wohl kaum auseinanderhalten. Die verwinkelte Welt, die zweckdienliche – aber nicht schlechte – visuelle Qualität, das sehr konturvolle, kontrastarme Design der Charaktere und die ausgefallenen Designs, mit denen die Regionen umgesetzt wurden, gehen keine Risiken ein und fahren mit einer ähnlichen Geschwindigkeit im Windschatten der From Software-Grundlage mit.

Der gleiche Umstand gilt für die auditive Komponente, die in Mortal Shell ohnehin einen hohen Stellenwert einnimmt. So kann der Findling, ebenso wie die simpleren Feinde in der Welt, auf der Laute diverse Lieder klimpern. Feinde reagieren auf das Lautenspiel, je nachdem, wie gut der Findling im Umgang mit dem Musikinstrument ist. Die Lautenklänge stellen aber lediglich ein Element in der Welt dar, die ansonsten mit sehr subtilen Hintergrundgeräuschen daherkommt und einzig in Bosskämpfen dann richtig Gas gibt.

Und auch unter der Haube kann sich Mortal Shell durchaus sehen lassen. Relativ kurze Ladezeiten, eine nahezu nahtlose Welt mit nur wenigen Ladepausen und eine butterweiche Steuerung lassen den Titel in einem guten Licht dastehen. Je nach Gegnermenge und Weitsicht kann es jedoch zu unangenehmen, aber nicht beeinträchtigen Rucklern kommen. Weitere Kleinigkeiten, wie etwa verschwindende Infokästen in Ladebildschirmen oder der eine oder andere Navigations-Glitch, halten sich jedoch in Grenzen und trüben das Spielerlebnis zu keiner Zeit.

Mortal Shell - Im GameWire-Review
  • 8.9/10
    Gameplay - 8.9/10
  • 8.4/10
    Sound - 8.4/10
  • 7.5/10
    Grafik - 7.5/10
  • 8/10
    Steuerung - 8/10
8.2/10

Summary

Mortal Shell ist ein Klon. Da macht Cold Symmetry keinen Hehl draus. Es zieht aus wie Dark Souls, es spielt sich – größtenteils – wie Dark Souls und es leiht sich die obskure Art des Narrativ von Dark Souls. Dennoch ist Mortal Shell in diesem Vorhaben so souverän und konsequent, dass es von Anfang bis Ende hervorragend funktioniert. Mortal Shell ist ein einwandfreier Vertreter des Genres und hilft, die Durststrecke bis zum nächsten From Software-Meilenstein zu verkürzen. Unbedingt anschauen!