25. September 2020

Deadly Premonition 2: A Blessing in Disguise – Das GameWire-Review

Deadly Premonition 2: A Blessing in Disguise ist kürzlich für die Nintendo Switch erschienen. Ein interessantes Exklusivspiel ist das allemal. Denn Deadly Premonition (Teil 1) ist Kult, keine Frage. Der 2010 für Xbox 360 erschienene Erstling konnte eine überraschend große Fangemeinde um sich scharen und erfreut sich auch heute noch eines besonderen Status in der Gaming Community. Überraschend deshalb, weil der von Hidetaka „Swery 65“ Suehiro designte Titel von dermaßen schlechter Technik versaut wurde, dass viele ihn auch heute noch als “unspielbar” bezeichnen würden. Daran änderte auch der für PC und PlayStation 3 erschienene Director’s Cut kaum etwas, der nur mininmale Verbesserungen mit sich brachte.

Doch es war eben die Atmosphäre des Spiels, sowie die schrulligen aber liebenswerten Charaktere, dem der Titel seine einzigartige Anziehungskraft verdankte. Es war ben eine spielbare Mischung aus ambitioniertem Open World-Adventure und der kultigen TV-Serie Twin Peaks. Nun ist für Nintendo Switch ein Nachfolger erschienen, der die Geschichte gleichzeitig fortsetzt und als eine Art Sequel fungiert. Ob Deadly Premonition 2: A Blessing in Disguise auch überzeugen kann, oder von den technischen Defiziten erdrückt wird, soll der folgende Test klären.

Twin Peaks zum Mitnehmen

Wie im Vorgänger schlüpft man abermals in die Rolle des brillanten aber unkonventionellen Ermittlers Francis York Morgan. Unkonventionell deshalb, weil er die Antworten auf seine Fragen gerne mal in seinem Kaffee zu finden glaubt und ihn auch sprechende Gemälde nicht zu irritieren scheinen. Er ist jene Art von Mensch, für den selbst das Unmögliche nicht abschreckend, sondern einladend wirkt und der alles hinterfragt, es gleichzeitig aber nicht in Zweifel zieht. Soll heißen, dass selbst die abwegigste Antwort für ihn zur wahrscheinlichen Lösung wird, wenn sonst keine gefunden werden können.

Ein Beispiel? Nun direkt zu Beginn des Spiels untersucht man als SpielerIn den Tatort eines Verbrechens, auf das wir nun aus Spoilergründen nicht näher eingehen werden. Aufgrund einiger Indizien bleibt für Morgan eigentlich nur ein Schluss übrig: Der Täter muss ein mindestens drei Meter großer Riese gewesen sein. Alles andere ergäbe keinen Sinn. Nun, ob das tatsächlich so ist, muss natürlich erst noch herausgefunden werden, aber mit seiner wild fabulierenden Art teilt sich Morgan eben einige Charakterzüge mit Agent Fox Mulder aus Akte X oder auch dem legendären Agent Cooper aus David Lynchs Mistery-Serie Twin Peaks. Deadly Premonition 2 verbeugt sich vor diesen großen Vorbildern und ergänzt deren Ansätze gleichzeitig durch neue Ideen. In dieser Hinsicht ist der Titel quasi eine besonders lange To Go-Version dieser kultigen Serien.

Auch ohne Vorkenntnisse spielbar

Dabei müssen sich all jene, die den Vorgänger nicht gespielt haben, keine Sorgen machen. Denn was erst einmal komplex und kompliziert klingt, erweist sich als gelungener Regie-Kniff. So spielt der Titel nämlich einmal nach den Ereignissen des ersten Teils und nimmt mitunter darauf Bezug und gleichzeitig davor, geht es in der Erzählung eben auch um einen Fall, den Morgan vor vielen Jahren gelöst zu haben glaubte. Und so erlaubt sich der Titel zwar zahlreiche Anspielungen, die man mitunter nur zur Hälfte versteht, spielt aber gleichzeitig eben hauptsächlich vor dem Vorgänger. So sollten sich auch Neulinge Willkommen fühlen.

So springt der Titel zwar ab und an ins Jahr 2019, man verbringt aber die meiste Zeit in der Rolle von Morgan und im Jahr 2005. Der Hauptschauplatz von Deadly Premonition 2 ist somit das südamerikanische Städtchen Le Carré, dessen frei begehbare Open World passenderweise in Quadrate unterteilt ist. Das erleichtert die Erkundung enorm.

Deadly Premonition 2 Le Carré

Die Sache mit der Technik

Solange man nicht zum Opfer der technischen Umsetzung wird. Denn diese ist trotz einiger Patches immer noch schlecht. Während man in Innenräumen keine Probleme haben sollte, kommt das Spiel in der offenen Spielwelt ins Stottern. Die Framerate bricht nach wie vor ein – und das obwohl weder besonders viele Passanten oder Fahrzeuge in der Stadt unterwegs ist. Le Carré ist eine Geisterstadt, welche die Nintendo Switch aufgrund mangelnder Optimierung in die Knie zwingen kann.

Dabei handelt es sich hier grafisch nach wie vor eher um einen Titel, den man in ähnlicher Form so auch auf der PlayStation 2 hätte sehen können. Weder die Charaktermodelle noch die Umgebungen sind besonders ansehnlich oder gar hochaufgelöst texturiert. Da hilft auch der sonst eher willkommene Cel Shading-Filter nicht, der den Figuren etwas leicht cartooneskes verleiht. Das passt zum Spiel, das leider in vielerlei Hinsicht antiquiert wirkt.

Spieldesign aus der Vergangenheit

Als Jemand, der den Erstling seinerzeit gespielt hat, habe ich mich trotz der vielen technischen und grafischen Mängel schnell zuhause gefühlt. Vielleicht auch gerade deswegen. Für all jene, die zum ersten Mal ein Deadly Premonition spielen, könnte es aber zu einer Art Kulturschock kommen. Das Spieldesign ist ebenso antiquiert wie das technische Grundgerüst. Die optionalen Aufgaben sind nicht mehr als simple “Hol und Bring”- oder “Töte X Gegner”-Quests und auch die Hauptaufgaben werden von solchen Ansätzen geplagt. Zudem muss man immer die Tageszeit im Auge haben und auch auf den Wochentag schielen. Sonst kann es passieren, dass ein Geschäft, das man aufsuchen oder eine Bar, der man zwecks Befragung des Inhabers einen Besuch abstatten muss, geschlossen haben. Mitunter heißt es dann ein paar Tage zu warten, ehe man mit der Story fortfahren kann.

Zwar kann man die Zeit beschleunigen, indem man Zigaretten raucht oder sich im Hotel zum Schlafen einfindet, das bremst das Spiel aber dennoch unnötig aus und zieht es in die Länge. Für den Einen mag das einen Teil des Charmes ausmachen, für Andere wird das gewiss abschreckend wirken.

Deadly Premonition 2 Gameplay

Die Liebe steckt im Detail

Dabei sind es genau genommen auch jene Elemente, die den schrulligen Charme von Deadly Premonition 2: A Blessing in Disguise ausmachen. Wenn sich Francis York Morgan nicht duscht oder rasiert, fängt er an zu stinken oder der Bart wächst Stück für Stück. Das hat dann wiederum Auswirkungen darauf, wie andere NPCs auf ihn reagieren. Gleiches gilt auch für das interne Spiel mit der Zeit. Auf der einen Seite mag es objektiv betrachtet nervig sein, wie das System implementiert wurde, auf der anderen Seite erinnert es in den besten Momenten an ein Shemnue, das eben auch voraussetzte, dass man die Uhr im Blick hat, wenn man ein bestimmtes Ziel erreichen wollte.

Sonst überzeugen vor allem die Haupt- und Nebenfiguren des Spiels. Egal ob das der vermeintlich imkompetente Sheriff ist, der sich liebevoll um seine Ziehtochter und deren kranke Mutter kümmert, das junge Mädchen Patricia, das einen tagsüber begleitet und scheinbar jedes Übel dieser Welt mit einem Schulterzucken wegsteckt, oder der Besitzer des Hotels, der genauso aussieht wie der Chefkoch, der Page und Rezeptionist. Hinter allen Figuren wartet eine tiefere, persönlichere Ebene, die es zu entdecken gilt. Natürlich gibt es hier und da auch den obligatorischen Comic Relief, aber unterm Strich wartet in Deadly Premonition 2 eine der am feinsten ausgearbeiteten Darstellerriegen der letzten Jahre. Alles mit einem Augenzwinkern präsentiert und wohl aufgrund der technischen Defizite nicht vollumfänglich ausgeschöpft, aber Dank der Liebe zum Detail äußerst immersiv.

Shooting & Skating

Neben der einfachen Erkundung der Spielwelt, die übrigens auf einem Skateboard stattfindet – Morgans Auto wurde während der Anreise gestohlen – trifft man auch immer wieder auf Gegner, die es zu erledigen gilt. Dabei handelt es sich nicht um normale Menschen, sondern um Monster, die des Nachts aus ihren Löchern kriechen. Während man die meisten Konfrontationen umgehen kann, wird man ab und an von der Handlung dazu gezwungen sich gegen die unzähligen Wesen zur Wehr zu setzen.

Hier tritt man in eine seltsame Anderswelt, ein groteskes Abbild unserer Welt, in der neben “normalen” Monstern auch Endbosse darauf warten, getötet zu werden. Diese Schießeinlagen funktionieren eigentlich ganz ordentlich, spielen sich aber doch recht schwammig. Zumal es an Abwechslung fehlt. Denn Francis York Morgan hat nur seine Handfeuerwaffe zur Verfügung, die man zwar aufrüsten, nicht aber ersetzen kann. Da bot der Erstling noch mehr Abwechslung. Dennoch sind die Feindkontakte gelungen, wenngleich der Schwierigkeitsgrad für erfahrene ShooterspielerInnen wohl etwas zu einfach sein wird.

Fazit oder: Die gebrochene Lanze

Deadly Premonition 2: A Blessing in Disguise ist ein objektiv schlechtes Spiel. Und subjektiv… nun, auch kein wirklich gutes, aber ein ungemein faszinierendes. Wir haben auf der einen Seite die technischen Probleme, die grafische Zeitreise in die PS2-Ära und eine schwammige Steuerung, sowie unnötig langweilige Nebenquests. Und auf der anderen Seite eine gigantische Portion Charme, tolle Haupt- und Nebenfiguren, sowie eine spannend inszenierte Handlung.

So sehr ich mitunter fluchte und die Entwickler in einem innerlichen Monolog beleidigte, so sehr zog es mich auch immer wieder an die Nintendo Switch. Nicht nur wegen dieses Tests, sondern auch weil Deadly Premonition 2 wie schon der erste Teil eine ungemeine Anziehungskraft entwickelt. Zumindest wenn man auf die erwähnten TV-Serien, eine gute Portion Trash und wahnwitzige Dialoge steht. Und so bleibt es auch bei A Blessing in Disguise bei dem gleichen Fazit, das ich nach dem Beenden des Prequels für micht selbst formulierte: Deadly Premonition 2 ist das beste, schlechteste Spiel, das ich jemals gespielt habe und eine außergewöhnliche Erfahrung.

  • 6.5/10
    Gameplay - 6.5/10
  • 6.5/10
    Sound - 6.5/10
  • 6.5/10
    Grafik - 6.5/10
  • 6/10
    Steuerung - 6/10
6.4/10

Zusammenfassung

Deadly Premonition 2: A Blessing in Disguise teil sich so einiges mit seinem Vorgänger. Zum einen die mitunter katastrophale technische Umsetzung, zum anderen aber auch die vielen brillanten Einfälle und liebenswerten Figuren. Der Titel ist gewiss kein Spiel für Jeden, aber gleichzeitig genauso abschreckend wie lohnenswert. Es ist ein absolutes Unikat im Guten wie im Schlechten, aber für Fans des Erstlings gewiss die Erfüllung eines seltsamen Fiebertraums.