21. September 2020

Final Fantasy VII Remake – Das GameWire-Review

Final Fantasy VII Banner

Wenn man einen Test zum Remake eines der wohl einflussreichsten Rollenspiele aller Zeiten schreibt und das Original seinerzeit – noch selbst in Kinderschuhen steckend – zum ersten Mal erlebt hat, kommt man nicht umhin, sich selbst zugestehen zu müssen, dass man diesen Text nicht schreiben kann, ohne die Nostalgiebrille auf der Nase sitzen zu haben. Dementsprechend richtet sich der folgende Beitrag selbstverständlich auch an die Neueinsteiger, die mit dem Final Fantasy VII Remake zum ersten Mal in Kontakt mit dem JRPG kommen, vor allem aber an jene, die das Original noch in Erinnerung haben – und die beim Anschauen des folgenden Videos direkt eine Gänsehaut bekommen.

Dass sich das Final Fantasy VII Remake nicht nur an Fans, sondern eben auch Neueinsteiger richtet, ist dabei dem Mut zu verdanken, mit dem sich Square Enix dem Projekt gewidmet hat. Denn uns erwartet nicht etwa eine strikte 1:1-Kopie des ursprünglich im Jahr 1997 veröffentlichten Rollenspiels, die lediglich grafisch und technisch aufpoliert wurde, sondern eine Art Neuinterpretation des Ganzen, die sich so nah wie nötig am Ursprungsmaterial bewegt, dabei aber auch so weit abschweift wie möglich, ohne die eigentliche Essenz aus den Augen zu verlieren.

Dabei bleibt natürlich vor allem eines ganz klar erhalten. Die eigentliche Handlung des Titels. Auch im Jahr 2020 schlüpfen wir in die Rolle des schweigsamen Ex-Soldaten Cloud Strife, der sich mit der Widerstandsgruppe Avalanche verbündet, um einen Anschlag auf einen der großen Mako-Reaktoren der Stadt Midgar zu verüben. Diese unter der Kontrolle des mächtigen Shinra-Konzerns stehenden Energiegewinnungsanlagen saugen buchstäblich die Energie aus dem Planeten Gaia, um den Bewohnern der Stadt ein weitestgehend sorgenfreies Leben zu ermöglichen.

Dabei fungiert die Metropole, die im vorliegenden Remake der Hauptschauplatz des Spiels ist, auch gute 23 Jahre nach Release, als Parabel auf die Schere zwischen Arm und Reich. Denn die Stadt besteht aus einem unteren Teil, in dem die ärmeren Bewohner sich in Slums organisieren müssen, während auf einer oberen – der Sonne näheren Platte – die wohlhabenden Menschen ihrem luxuriösen Leben nachgehen können. Die beiden Schichten werden dabei durch eine gigantische Platte getrennt, was die Lebensumstände nochmals verdeutlicht.

Doch weder dem Spieler, noch Cloud, dem Protagonisten, geht es um die Beseitigung einer Ungerechtigkeit, oder gar der Rettung des Planeten, sondern um Geld, mit dem er sich eine neue Existenz als Söldner aufbauen möchte. Doch als sich die Ereignisse überschlagen, er das geheimnisvolle Blumenmädchen Aerith kennenlernt und ihn seine eigene Vergangenheit einzuholen beginnt, verstrickt man sich immer mehr in den Kampf gegen die übermächtigen Shinra-Organisation, die ihre eigenen Pläne verfolgt.

Mehr soll an dieser Stelle zur Handlung auch gar nicht geschrieben werden, da sie im Laufe der gut 35 Stunden andauernden Kampagne, ihren eigenen Sog entwickelt und dank filmreifer Zwischensequenzen und toll animierten Haupt- und Nebenfiguren von Anfang bis Ende zu unterhalten versteht. Fans des Originals freuen sich über neue Filmsequenzen, Handlungsstränge und sogar neue Nebenmissionen, welche die Geschichte um wichtige Elemente erweitert, oder Dinge ausführt, die im originalen Release nur angedeutet wurden. Square Enix macht stellenweise einen fantastischen Job, Midgar noch glaubwürdiger, atmospärisch dichter und lebendiger wirken zu lassen.

Während gerade die anderen Avalanche-Mitglieder Jessie, Biggs und Wedge ihrerzeit lediglich blasse Nebenfiguren waren, werden sie im Remake vollständig ausgearbeitet und bekommen so mehr Tiefe verliehen. Gerade Jessie wird einem im Remake sehr ans Herz wachsen. Aber auch die die Hauptfiguren bekommen mehr Spielzeit und Text zugestanden, weswegen sich das Wiedersehen mit ihnen gleich doppelt lohnt. Barrets aufbrausender Charakter bleibt dabei genauso erhalten wie Tifas zurückhaltende Art und Sorge, um das Wohlergehen der Anderen. Aber gerade Aerith wurde durch die neuen Szenen und ausgearbeiteten Dialoge menschlich so viel greifbarer, dass man sich als Fan geradezu freut, Zeit mit ihr verbringen zu können. Aber auch Neueinsteiger werden sich an dem Gebotenen nicht sattsehen, beziehungsweise hören können.

Denn die komplett deutsche Synchronisation ist weitestgehend hervorragend gelungen, wobei manchmal die fehlende Lippensynchronizität durchaus stören kann. Wer des Englischen mächtig ist, wechselt zu dieser Synchronfassung, wirkt sie unterm Strich doch noch etwas runder.

All dieser Ergänzungen und Erweiterungen sorgen schließlich auch dafür, dass die Spielzeit sich streckt. Wo im Original-Spiel gerade mal fünf Stunden benötigt wurden, um Midgar zu verlassen und anschließend die offenere Spielwelt bereisen zu können, braucht man im Final Fantasy VII Remake die bereits erwähnten 30 Stunden, ehe man die Metropole verlässt und … nun ja, das Spiel eben endet. Denn mit dem Remake liegt bisher lediglich eine Art erste Episode des Spiels vor, die in Zukunft auf die ein oder andere Art ergänzt werden wird. Da sich Square Enix bisher aber noch nicht zu den Plänen geäußert hat, gilt es diesbezüglich abzuwarten.

Doch keine Sorge, denn auch diese “erste Episode” fühlt sich nach einem kompletten Spiel an, auch wenn wir nach Betrachten des Abspanns mit dem gefühl zurückgelassen werden, dass es weitergehen wird. Dass aus den ursrpünglichen fünf Stunden nun gute 30-40 Stunden geworden sind, liegt einerseits natürlich an den narrativen Ausführungen, gleichzeitig aber auch dem darstellerischen Ansatz des Titels. Während man die Polygon-Figuren 1997 noch aus der isometrischen Perspektive durch vorgerenderte Hintergründe bewegte, steuert man nun vollanimierte Figuren durch eine dreidimensionale Welt. Wenn man diese Welt nun glaubwürdiger und realistischer gestalten möchte – was Square Enix wunderbar gelungen ist – dann werden die Slums, Dörfer oder der legendäre Wall Market eben umfangreicher dargestellt. Seitengassen laden zum Erkunden ein, Häuser müssen umrundet, oder Bewohner passiert werden, um das eigentliche Ziel zu erreichen. Im direkten Vergleich zum Original verdoppeln oder verdreifachen sich hier die Laufwege eben. Das lässt den Titel, beziehungsweise die Erkunden der Spielwelt runder und authentischer erscheinen, als es früher der Fall war – streckt aber eben auch die reine Spielzeit enorm.

Gleiches gilt für die vollanimierten Zwischensequenzen des Titels. Wo früher noch Sprechblasen weggeklickt werden mussten, um das Gespräch voranzutreiben, sieht, beziehungsweise hört man den Charakteren heute eben beim Agieren zu. Auch das verlängert die entsprechenden Sequenzen selbstverständlich.

Und dann gibt es eben auch noch weitere Veränderungen, gerade in Form der Dungeons und Nebenmissionen. Letztere gab es früher gar nicht, finden aber nun alle paar Kapitel ihren Weg ins Spiel. Während man die Slums erkundet, kann man von verschiedensten NPCs Aufgaben annehmen, die nach der Erfüllung mit besonderen Gegenständen oder eben Gil – der Währung des Spiels – locken. Leider sind sie weder besonders gut inszeniert, noch abwechslungsreich gestaltet, sondern verlieren sich in Monotonie. Dass ich dennoch sehr viel Spaß mit ihnen hatte, liegt letzten Endes an den spielerischen Qualitäten des Titels, zu denen wir in Kürze kommen werden. Dennoch bleibt der Kritikpunkt bestehen, dass sie sich aufgesetzt anfühlen und qualitativ nur selten über die genretypischen “Hol- und Bring-” beziehungsweise “Töte Monster X”-Quests hinauswachsen. Schade, dass man hier die Chance verpasst hat, qualitativ an das eigentliche Hauptspiel anzuschließen.

Ähnliches gilt für die neuen, oder eben erweiterten, Dungeons des Titels. Viele dieser fühlen sich enorm gestreckt an und ziehen sich unnötig in die Länge. Wo man sich früher mal zehn Minuten in einem Gebiet mit einigen Zufallsbegegnungen herumtreiben musste, bewegt man sich nun bis zu einer Stunde lang durch die entsprechenden Areale. Normale Gegner wurden zu unnötig langen Bossbegegnungen aufgeblasen, die dann auch noch in mehreren Phasen stattfinden. All das ist nicht per se schlimm, wohl aber etwas, das man allgemein als Verschlimmbesserung bezeichnen würde, dienen sie doch nur dem Zweck die Spielzeit in die Länge zu ziehen. Besonders im Fall eines Dungeons ist es sehr ärgerlich, da er sogar in recycleter Form nochmals vorkommt.

Aber auch hier ist es so, dass einige dieser neuen Dungeons Spaß machen und mitunter eigene Spielmechaniken ins Spiel bringen, während andere sich eben deplatziert anfühlen. Aber auch diese Erweiterungen fügen sich leider nicht immer ganz rund ins eigentliche Hauptspiel ein. Schade, aber durchaus verschmerzbar.

Denn vor allem die Kämpfe, das spielerische Herz des Titels, machen enorm viel Spaß. Auch hier beschritt Square Enix einen mutigen Weg. Denn die Zeiten von Zufallsbegegnungen sind vorbei. Gegner tummeln sich alleine, oder auch in Scharen, frei auf den begehbaren Karten, wobei man bei Näherkommen in den Kampfmodus wechselt. Die rundenbasierten Kämpfe des Originals gehören dabei ebenfalls der Vergangenheit an und die Entwickler sind bemüht gewesen, diese mitunter antiquiert wirkende Mechanik durch etwas Neues zu ersetzen.

So setzt das Final Fantasy VII Remake nun auf eine Art Echtzeit-Kampfsystem, in der man immer nur eine Figur aktiv steuert, gleichzeitig aber immer per Druck auf das Steuerkreuz zwischen den Party-Mitgliedern wechseln kann. Die anderen werden dabei von der KI übernommen. Durch Drücken der Viereck-, respektive Dreieck-Taste führt man nun einen leichten oder schweren Angriff aus, um die Gegner zu bewältigen. Durch das Spezialisieren auf Nach- beziehungsweise Fernangriffe der Charaktere kommt so auch etwas Taktik ins mitunter hektische Geschehen. Mit R1 kann man Angriffe blocken, während man mit der Kreis-Taste ausweichen kann. Das bringt auf jeden Fall mehr Dynamik ins Spiel, als es zu früheren Zeiten war.

Gleichzeitig verleugnet man die eigenen Wurzeln aber auch nicht. Denn durch einen Druck auf X verlangsamt sich das Geschehen enorm und man kann in relativer Ruhe in einem aufploppenden Menü spezielle Fähigkeiten der Charaktere wählen – die man durch das Nutzen unterschiedlicher Waffen dauerhaft erlernen kann – oder Magie wirken. Letztere nutzt man, in dem man sogenannte Substanzen, kristalline Kugeln, die auf eine magische Wirkungsweise spezialisiert sind, in entsprechenden Slots der Waffen oder Ausrüstungsgegenständen platziert. So kann man die Charaktere nach eigenen Wünschen anpassen. Diese Substanzen werden übrigens – wie früher auch – im Laufe der Zeit immer mächtiger, wodurch sich ebenso mächtige Zauber wirken lassen.

Und dann wären da noch die Beschwörungen, mit denen man mächtige Wesen in den Kampf rufen kann, um besonders viel Schaden zu verursachen. Pro Figur kann dabei lediglich eine ausgerüstet werden, wobei man sich neue Beschwörungen ohnehin erst verdienen muss. In einer Art Kampfsimulator müssen diese bezwungen werden, ehe man sie im Kampf – und auch dann nur unter bestimmten Bedingungen – einsetzen kann. Hier hat sich also ebenfalls einiges verändert und das Final Fantasy VII Remake offenbart gerade auch im Gameplay, dass es den Entwicklern darum ging, eine Neuinterpretation des Titels zu kreieren.

Die Kämpfe machen aber so oder so enorm viel Spaß und bringen auch genügend taktische Tiefe mit sich, um langfristig zu begeistern. Schwächen der Gegner und Stärken der Charaktere müssen ausgenutzt, beziehungsweise genutzt werden, möchte man auch die fiesesten Feinde besiegen. Durch dieses Ausnutzen kann man diese übrigens in einen sogenannten Stagger-Modus versetzen, in dem sie handlungsunfähig werden, gleichzeitig aber auch mehr Schaden einstecken müssen. Es ist ein tolles System und trotz, oder gerade wegen, der Veränderungen gewiss das beste Echtzeit-Kampfsystem, das es seit vielen Jahren in einem Ableger der Final Fantasy-Reihe gab.

Das gilt selbstverständlich auch für die zugrundeliegende Technik des Titels. Das Spiel läuft auf der PlayStation 4 Pro flüssig und sieht beeindruckend aus. Die Charakter-Details, die sich zwischen Realismus und Anime-Vorlage bewegen, sind enorm, die Animationen gleichzeitig hervorragend. In seinen besten Momenten ist das Final Fantasy VII Remake gewiss das schönste JRPG dieser Konsolengeneration. Leider wirken manche der NPCs seltsam unpassend und steif – man merkt eben wohingehend der Fokus der Entwickler lag – und manche der Texturen laden viel zu spät – oder auch mal gar nicht – nach. Das ist sehr schade und es bleibt zu hoffen, dass dies durch einen Patch behoben werden kann. Nichtsdestotrotz bleibt das Spiel beinahe zu jeder Zeit wunderschön anzusehen. Man merkt die Verbesserungen und Entwicklung seit Release des Quasi-Vorgängers Final Fantasy XV zu jeder Zeit.

Der Soundtrack des Spiels wird Fans des Originals eine Gänsehaut bescheren – und vermutlich auch Neueinsteiger entzücken. Er passt wunderbar auf die jeweiligen Situationen, wenngleich es manchmal etwas dauert bis das eigentliche Thema des Stückes greift. Doch diese Lieder, die mitunter orchestral arrangiert wurden, sind fabelhaft komponiert und die klassischen Stücke aus dem Jahr 1997 wurde zu einem sehr viel runderen, epischeren Leben verholfen. Der Soundtrack gehrt zu den Besten der letzten Jahrzehnte, das kann man kaum anders formulieren.

Fazit

Das Final Fantasy VII Remake ist eine mehr als gelungene Neuinterpretation eines der populärsten Rollenspiele aller Zeiten. Es entfernt sich dort vom Ursprungsmaterial, wo es Sinn macht und erweitert es an den richtigen Stellen. Nicht alle diese Erweiterungen mögen Sinn machen und einige, gerade narrative Ergänzungen, sorgen für akuten Diskussionsbedarf, aber wenn wir das Remake als das nehmen, was es ist, nämlich eine Möglichkeit der Entwickler etwas besser machen zu wollen, als es zu seiner Zeit möglich war, geht das Projekt beinahe hunderprozentig auf.

Ob das Original oder das Remake das bessere Spiel ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich hatte mit beiden enorm viel Spaß und begrüße alle Veränderungen und neuen Ideen, welche die Entwickler mit einfließen lassen haben. Dabei spielt es aktuell noch keine Rolle, ob diese auch tatsächlich aufgehen, oder sich manchmal in Bedeutungslosigkeit verlaufen. Denn wenn ich das Original spielen möchte, kann ich das jederzeit tun. Niemand hat es mir weggenommen. Es liegt in meinem Regal, auf drei CDs gepresst, und wartet auf meiner Nintendo Switch als digital erworbener Version.

Das Remake ist etwas Neues, ja, etwas Mutiges, gewiss. Etwas Kontroverses, auch manchmal, ja. Aber es ist vor allem ein verdammt gutes Rollenspiel und eine Erinnerung daran, dass Nostalgie nichts blendendes sein muss, wenn man die entsprechende Quintessenz richtig zu verpacken versteht. Das Final Fantasy VII Remake spricht sowohl mich, als auch mein inneres Kind an, lässt mich hoffen und bangen. Lässt mich erschaudern und mitfiebern. Und ließ mich mitunter sprachlos zurück. Und das schaffen nur wenige Spiele – und vor allem keine, von denen ich dachte, dass ich sie kenne. Und aus dieser Perspektive ist das Remake wohl nahezu perfekt geworden. Ein größeres Kompliment werde ich nicht mehr finden, denke ich.

  • 9/10
    Gameplay - 9/10
  • 9.5/10
    Sound - 9.5/10
  • 8.5/10
    Grafik - 8.5/10
  • 9/10
    Steuerung - 9/10
9/10

Zusammenfassung

Das Final Fantasy VII Remake ist eines der besten JRPGs der letzten Jahre und der wohl beste Final Fantasy-Ableger seit mindestens ebenso langer Zeit. Es ist ein wunderschöner Trip in die Rollenspiel-Vergangenheit mit genau dem richtigen Quäntchen Zukunft, um sowohl alte als auch neue Fans begeistern zu können. Die technischen Mängel sind überschaubar und repetive Inhalte verschmerzbar, da das Gesamtprodukt sonst so stimmig ist. absolute Empfehlung!